
Geburtstrauma bei Müttern: Wenn die Geburt nicht loslässt
Wenn die Geburt nicht loslässt: Geburtstrauma bei Müttern
Fachlich korrekt müsste es eigentlich „Entbindungstrauma" heißen. Im Alltag hat sich aber der Begriff „Geburtstrauma" durchgesetzt. Beide meinen dasselbe: eine Geburtserfahrung, die den eigenen Körper und die eigene Seele überfordert hat. Schätzungen zufolge betrifft das jährlich sehr viele Mütter, Kinder und Väter - trotzdem findet das Thema in der Gesellschaft kaum Raum. Sätze wie „das wird schon wieder" gehören zum Alltag vieler Betroffener und zeigen vor allem eines: wie wenig das Thema im sozialen und medizinischen Umfeld bislang verstanden wird.

Was ein Geburtstrauma ausmacht
Ob eine Geburt als belastend erlebt wird, ist immer subjektiv. Entscheidend ist nicht das Ereignis an sich, sondern wie der Körper darauf reagiert. Ein Geburtstrauma kann entstehen, wenn Körper und Seele in der Situation überfordert waren: Etwa durch Kontrollverlust, medizinische Eingriffe, Schmerz, Ohnmacht, fehlende Unterstützung, respektloses oder übergriffiges Verhalten, oder das Gefühl, nicht gehört worden zu sein. Die Hauptbelastung kann während der Geburt selbst liegen, genauso aber auch in der Schwangerschaft oder im Wochenbett.
Es geht dabei um die Sorge um das eigene Leben oder die eigene Unversehrtheit, oder um die des Kindes. Deshalb können nicht nur Mütter ein Geburtserlebnis als überwältigend erleben, sondern auch Väter, Partner:innen, Begleitpersonen und das Baby selbst.
Jede Geburt kann belasten. Auch eine „ganz normale"
Grundsätzlich kann jede Geburtssituation belastend wirken, zum Beispiel:
Kaiserschnitt oder andere operative Entbindungsverfahren
Frühgeburt
Trennung von Mutter und Kind direkt nach der Geburt
Einleitung oder ein sehr langer, intensiver Wehenverlauf
Interventionen wie Zange oder Saugglocke
Gynäkologische Eingriffe während der Geburt
Eine sehr schnelle, sehr lange oder sehr schmerzhafte Geburt
Komplikationen jeder Art
Und: Auch nach einer Geburt, die von außen betrachtet „ganz normal" verlaufen ist, können Belastungsreaktionen auftreten. Dies schränkt die eigene Lebensenergie ein und kann sich auf Bindung, Partnerschaft, Intimität und Selbstwert auswirken.
Wie sich das zeigen kann
Mögliche Reaktionen auf eine belastende Geburtserfahrung sind zum Beispiel:
Erinnerungen oder Bilder, die ungefragt auftauchen
Gefühle wie Ärger, Trauer, Scham oder Angst, die plötzlich hochkommen
ein Schlaf, der nicht mehr erholsam ist
eine Wundheilung (z. B. Dammriss, Kaiserschnittnarbe), die sich zäh anfühlt
Herausforderungen beim Stillen
der Gedanke an eine weitere Schwangerschaft macht Angst
eine Verbindung zum Baby, die sich schwerer anfühlt als erwartet
ein Baby, das selbst unruhig wirkt
Rückzug oder eine Rückbildung, die einfach nicht vorangeht
eine veränderte Körperwahrnehmung, besonders im Bereich der Körpermitte
Warum sich gerade die Körpermitte nach einer belastenden Geburt oft „anders" anfühlt, erfährst du vertieft in „Rektusdiastase: Dein Körper ist mehr als eine Zahl".
Was jetzt hilft
Eine zeitnahe Verarbeitung ist von Vorteil. Nicht, weil es „schnell gehen muss", sondern weil unverarbeitete Belastung sich sonst im Körper festsetzen und den Alltag über längere Zeit einschränken kann.
In belastenden Situationen treffen mehr Reize auf uns ein, als wir im Moment verarbeiten können. Genau hier setzt körperorientierte Begleitung an, unter anderem mit Methoden wie Somatic Experiencing®: Das Erlebte wird in kleinen, gut verdaulichen Schritten integriert, ohne es noch einmal in voller Wucht durchleben zu müssen. Schritt für Schritt kehrt Präsenz im Hier und Jetzt zurück, die Körperwahrnehmung erweitert sich, innere Unruhe kann abnehmen. So wird dein Körper allmählich wieder zu einem sicheren Ort.
Das kann bedeuten: mehr Leichtigkeit im Alltag, mehr Resilienz und Energie, eine entspanntere Bindung zum Kind und manchmal auch, dass sich die Angst vor einer weiteren Schwangerschaft löst.
Auch Väter und Babys können eine Geburt auf ihre eigene Weise mit sich tragen. Mehr dazu in „Wenn die Geburt nachwirkt: Geburtstrauma bei Vätern" und „Wenn die Geburt nachwirkt: Geburtstrauma beim Baby".






