Frau in rosafarbenem Outfit legt beide Hände auf schwangeren Bauch

Wenn der Bauch sich fremd anfühlt: Der Körper nach einer belastenden Geburt

July 12, 20263 min read

Die Körpermitte: Kraft und Fundament

Die Körpermitte ist der Ort der Kraft und das Fundament für Bewegung. Gleichzeitig ist sie der Sitz der Organe, der Behälter der Gefühle und der Ort des berühmten Bauchgefühls. Für eine gute Funktion der Körpermitte braucht es eine feine, gut aufeinander abgestimmte Koordination der tiefsten Strukturen unseres Körpers. Diese Harmonie ist jedoch auch störanfällig: Schwangerschaften, Geburten, medizinische Eingriffe, schwere Diagnosen, belastende Geburtserlebnisse, Grenzverletzungen oder Verluste können dazu führen, dass die Körpermitte aus dem Gleichgewicht gerät.

Wenn das Erlebte im Körper bleibt

Überwältigende Erfahrungen hinterlassen Spuren: Nicht nur im Erleben, sondern auch im Körper. Sie prägen, wie wir uns selbst spüren, wie wir atmen, wie wir stehen und uns bewegen. Besonders die Körpermitte, jener Raum zwischen Bauch, Zwerchfell und Beckenboden, ist oft ein stiller Zeuge dessen, was nicht verarbeitet werden konnte.

In der Körpermitte liegt unser Zentrum der Lebenskraft. Hier findet Atmung statt, Verdauung, Intuition und das Gefühl, „zu Hause" im eigenen Körper zu sein. Nach einer belastenden Geburtserfahrung wird dieses Zentrum häufig blockiert oder „abgespalten". Der Atem wird flach, die Bauchdecke hart, das Becken unbeweglich, der Kontakt zum Inneren unsicher. Dies ist eine kluge und biologisch normale Schutzreaktion deines Nervensystems auf ein unnormales Erlebnis. Auf Dauer hält uns diese Schutzreaktion jedoch in einer Haltung fest, die wenig Raum für Lebendigkeit lässt. Es ist, als würde sich der Körper unbewusst schützend zusammenziehen.

Frau hält schwangeren Bauch
In der Mitte ankommen heißt, im Hier & Jetzt anzukommen.

Woran du das erkennen kannst

Vielleicht nimmst du bestimmte Körperbereiche als Fremdkörper wahr oder spürst sie gar nicht mehr, obwohl du bereits unzählige Ansätze, Trainings und Übungen ausprobiert hast. Vielleicht hast du das Gefühl, dass dein Bauch nicht wirklich zu dir gehört, dass du dich „nicht ganz" fühlst, oder dass du deine Narbe nach einem Kaiserschnitt oder einem anderen Eingriff nicht anschauen oder berühren kannst.

Warum reine Physiotherapie hier oft nicht reicht

Wenn du seit einer belastenden Geburtserfahrung ein verändertes Körpergefühl in der Körpermitte wahrnimmst, hast du vielleicht schon die Erfahrung gemacht, dass weder Physiotherapie noch Osteopathie nachhaltig helfen. Denn wenn der Körper nein sagt und sich verschließt, dann meint er auch nein. Und dafür gibt es einen guten Grund: Dein Nervensystem schützt dich davor, erneut das Gefühl von Überwältigung zu erleben.

In meiner Begleitung gehen wir deshalb ganz langsam und in kleinsten Schritten in Kontakt mit den abgespaltenen Körperbereichen: Den tiefsten Strukturen deines Körpers. Jeder Muskel in unserem Körper hat auch eine psychologische Funktion: Schock und Emotionen werden von den tiefsten Muskeln der Körpermitte festgehalten.

Zurück ins Spüren

Wenn wir lernen, sanft in den Bauch zu atmen, die Bewegungen des Beckens zu spüren, Schwere und Weichheit im Unterleib zuzulassen, kann sich langsam etwas lösen. Der Körper beginnt, Vertrauen zurückzugewinnen. Vertrauen in seine eigene Sicherheit, in die Fähigkeit, auch intensive Empfindungen zu halten, ohne davon überflutet zu werden.

In der Mitte ankommen heißt, im Hier & Jetzt anzukommen. Im Körper, im Atem, im Leben.

Die Basis für jede Beckenbodenarbeit und für jedes Rektusdiastase-Training ist eine gute Verbindung zu den entsprechenden Muskelgruppen und Körperbereichen. Ist diese Verbindung hergestellt, geschmeidig und frei von unnötiger Anspannung, kann modernes Beckenboden- und Rektusdiastase-Training darauf aufbauen.

Diese Arbeit bedeutet nicht, das Erlebte „wegzumachen". Es geht darum, Raum für das zu schaffen, was da ist: Spannung, ein Zittern, Wärme, vielleicht auch eine Leere. Wird das achtsam gehalten, beginnt der Körper, das Geschehene zu verarbeiten und seine natürliche Balance wiederzufinden. Die gute Nachricht ist, dass sich „eingeschlafene" Körperbereiche und Nervenenden in der Regel mit viel Behutsamkeit und Achtsamkeit wieder wecken und integrieren lassen, Körpergrenzen wieder spürbar werden und ein Gefühl der „Ganzheit" wiederhergestellt werden kann.

Katrin Rey

Katrin Rey

Katrin Rey ist Physiotherapeutin, Somatic Experiencing (SE)® Practitioner und Sexualberaterin in Frankfurt am Main. Sie begleitet Menschen dabei, nach überwältigenden Erlebnissen rund um Schwangerschaft und Geburt zurück in ihren Körper zu finden.

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